Friedrich Dürrenmatt – Die Panne
26. März 2012 um 22:28 | Veröffentlicht in Bücher | 1 KommentarSchlagwörter: Dürrenmatt, Gerechtigkeit, Henker, Justiz, Panne
Im Prolog des Werks beschwert sich Dürrenmatt über die Schriften der heutigen Literaturschaffenden, welche nur noch aus Sensationsgier und eigenen Bekenntnissen bestehen. Es gäbe kaum mehr Geschichten zu erzählen, wäre in unserer technologisch fortgeschrittenen, perfektionistischen Welt nicht immer noch die Existenz von Pannen, Pannen, wie Alfredo Traps eine erfuhr.
Der Handelsreisende Alfredo Traps sieht sich aufgrund einer Autopanne gezwungen, in einem abgelegenen Weiler zu nächtigen. Er wird von einer alten Herrenrunde eingeladen, welche bei ihren Treffen eine Art Theater mit ihren alten Berufen nachahmen. Von den vier Senioren war der eine Richter, der eine Staatsanwalt, einer war Verteidiger und der letzte Henker, der Gast hat jeweils den Angeklagten zu mimen. So beginnt das muntere Spiel, dazu wird ordentlich getafelt und gebechert. Dem Angeklagten wird ein Mord angehängt, mit zunehmendem Alkoholspiegel und eigenen Verstrickungen in Widersprüche beginnt Traps seinen Mord, den er nicht begangen hat, für wahr zu halten und gesteht diesen am Ende auch noch.
Dieses Werk ist nicht einer der grossen Klassiker von Dürrenmatt, in meinen Augen aber eines der besten. Eine subtil ironische Auseinandersetzung mit Schuld und Gerichtsbarkeit, der Dunstkreis von Wahrheit und Glaube, was wahr ist oder für wahr gehalten werden soll, vernebelt dem lieben Alfredo, dem Symbolhalter des Fussvolkes, das den Mühlen der Justiz ausgeliefert ist, alle Sinne.
Friedrich Dürrenmatt – Grieche sucht Griechin
26. August 2010 um 07:31 | Veröffentlicht in Bücher | Hinterlasse einen KommentarSchlagwörter: Dürrenmatt, Grieche
Arnolph Archilochos ist Grieche, Buchhalter, 32, Junggeselle und Vegetarier aus Überzeugung, trinkt ausschliesslich Milch und keinen Tropfen Alkohol,
Archetyp Spiesser, trifft auf eine Zeitungsannonce hin eine Frau von anmutiger Eleganz und Schönheit. Verlobung am ersten Tag ihrer Beziehung, zugleich wird er vom Unterbuchhalter der Geburtszangenabteilung zum Generaldirektor der Atomwaffenproduktion befördert. Just am Tag des grossen Festes erfährt Arnolph, dass seine Angebetete eine Kurtisane ist.
Er beschliesst, den Staatspräsidenten, ein Vertreter seiner Weltordnung, zu erschiessen und mit seinem bisherigen Weltbild abzuschliessen, indem er z.B. zu trinken beginnt, seinen Bruder nicht mehr finanziell unterstützt usw.
Dieser Buch ist so herrlich surreal und vorurteilsbehaftet, eine nett verpackte und bitterböse Groteske, keine Weltliteratur, sondern einfach nur ein wunderbar humorvoll ironisches Werk.
Bernhard Schlink – Der Vorleser
15. Mai 2010 um 10:50 | Veröffentlicht in Bücher | Hinterlasse einen KommentarSchlagwörter: Auschwitz, Naziprozesse
Und wieder ein Buch gelesen, Wahnsinn! Lesen kann ja richtig Spass machen.
Der Vorleser ist eine Geschichte über einen Jugendlichen, der in seinem pubertären Entdeckungsdrang eine Liebesbeziehung mit einer Mitte-Dreissigerin führt. Bis diese vom einen Tag auf den anderen verschwindet. Jahre später trifft er sie wieder, im Gerichtssaal. Er als Jurastudent, sie als Angeklagte, als Aufseherin des Konzentrationslager Auschwitz für den Tod von hunderten Juden auf den Todesmärschen teilweise schuldig zu sein.
Zentral ist Frage des Schuld. Ist man schuldig, auf Befehl etwas Unrechtes zu tun? Geläufig ist der Spruch: “Schuld ist nicht nur derjenige, der das Unglück anrichtet, sondern auch derjenige, der es nicht verhindert”. Unter allen Umständen? Auch unter dem Einsatz seines eigenen Lebens?
Daran anschliessend wirft Schlink die Frage nach der Lebenslüge auf. Ähnlich wie Henrik Ibsen in seiner “Wildente”, was es Wert ist, eine Lebenslüge aufrecht zu erhalten? Und wieder unter welchen Umständen?
Das Buch wurde harsch kritisiert, den Verbrechen des dritten Reiches ein humanes Antlitz zu verleihen. Ich kann diese Kritik teilweise nachvollziehen, die Protagonistin wirkt auf den Leser zwar etwas seltsam und verschlossen, aber keineswegs unsympathisch.
Interessant auch, wie Schlink mit dem Sprachstil spielt. Von kurzen, trivialen Sätzen bis hin zu poetischen Ausschmückungen und einer Komplexität Marke Heinrich von Kleist, je nach Situation.
Ich kann dieses Werk nur weiterempfehlen.
Agatha Christie
7. Mai 2010 um 14:24 | Veröffentlicht in Bücher | Hinterlasse einen KommentarSchlagwörter: Agatha Christie, England, Miss Marple, Seven Dials Mistery
Die “Queen of crime”, einmal im Leben muss man ein Buch von ihr gelesen haben. Da ich in meiner Schulzeit nie mit ihren Werken in Kontakt kam, habe ich dies kürzlich nachgeholt. Mit “The Seven Dials Mistery”, oder mit deutschem Titel: Der letzte Joker.
Zu Beginn ist das Buch ziemlich verwirrend, ständig tauchen neue Personen und Handlungsorte auf. Ich als Leser hatte anfangs Mühe, das Beziehungsgeflecht zu und die zeitlich korrekte Abfolge der Handlungen zu rekonstruieren. Ist einem dies erstmals gelungen, liest das Werk relativ einfach. Inhaltlich geht es wie bei fast jedem Kriminalroman um die Aufklärung eines Mordfalls. Das Severn Dials Mistery wirkte auf mich etwas gar konstruiert. Aber was solls, das Buch ist trivial, aber spannend geschrieben und erfüllt seine primäre Funktion, es unterhält.
Keine literarisches Feuerwerk, aber das erwartet auch keiner bei einem Christie-Buch. War nett zu lesen.
Daniel Kehlmann – Die Vermessung der Welt
25. März 2010 um 13:00 | Veröffentlicht in Bücher | 3 KommentareSchlagwörter: Gauss, Humboldt, Kehlmann, Preussen
Ein Vorsatz für das Jahr 2010, mehr Lesen! Oftmals fällt es mir aber schwer, diesen einzuhalten, da ich beruflich bedingt eigentlich schon genug anderes lese.
Die Vermessung der Welt von Daniel Kehlmann, zu Hause in einem Bücherregal gefunden. Wie ich vernommen habe, stand dieses Werk lange an der Spitze der Spiegel-Bestsellerliste. Offen gestanden erstaunt mich das.
Das Buch ist eine leicht ironische Verarbeitung der Lebenswege von Alexander von Humboldt und Carl Friedrich Gauss. Zwei brillante preussische Wissenschaftler mit Weltruhm, Charaktere wie sie aber unterschiedlicher nicht sein könnten. Der eine (Humboldt) bereist die Welt, erkundet Höhlen, Flüsse und Berge, der andere (Gauss) sitzt zu Hause in Göttingen und brütet über seinen Zahlen, Formeln und mathematischen Phänomena. Kapitelweise abwechselnd erzählt Kehlmann aus den Werdegängen der beiden, chronologisch, bis sie sich gegen Ende des Buches auf einem Kongress treffen. Ihre gemeinsame Frage, was die Erde im Innersten zusammenhält, führt sie dorthin.
Humboldt gilt als einziger Wissenschaftler der Weimarer Klassik, der wirklich in die Welt hinaus ging. Das Buch kann auch als eine satirische Auseinandersetzung über die Fragestellung, was es heisst, deutsch zu sein, angesehen werden.
Interessant ist die Tatsache, dass das ganze Buch nur in indirekter Rede geschrieben ist.
Mich hat das Werk es nicht vom Sessel gehauen. Es ist zwar nett zu lesen, mehr aber auch nicht.
Thomas Buergenthal – Ein Glückskind
4. August 2009 um 07:53 | Veröffentlicht in Bücher | 1 KommentarEs ist dies die Geschichte eines 1934 in der Tschechoslowakei geborenen deutschen Juden, der nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten nacheinander ein polnisches Juden-Ghetto, die Todesfabrik Auschwitz-Birkenau, einen der berüchtigten Todesmärsche sowie das Konzentrationslager Sachsenhausen überlebte, nach dem Krieg auf wundersame Art und Weise seine Mutter wieder fand und heute einer der angesehensten Juristen für Menschenrecht ist. Es ist die Geschichte von Thomas Buergenthal.
Den Holocaust zahlenmässig zu erfassen – sechs Millionen – wie es gewöhnlich geschieht, ist eine unbeabsichtigte Entmenschlichung der Opfer und trivialisiert die zutiefst menschliche Tragödie, mit der wir es zu tun haben. Die Zahlen verwandeln die Opfer in namenlose Körper, statt sie als die Individuen sichtbar zu machen, die sie waren. Jeder von uns, der den Holocaust durchlebte, hat eine persönliche Geschichte, die es wert ist, erzählt zu werden, nicht zuletzt deshalb, weil sie der Erfahrung ein menschliches Gesicht verleiht.Aus dem Vorwort
Mit mehr als einem halben Jahrhundert Abstand zu diesen Geschehnissen schreibt Thomas Buergenthal seine Lebensgeschichte nieder, besser gesagt den eindrücklichen Anfang seiner Lebensgeschichte. Sachlich-objektiv und ohne eine Spur von Verbitterung und Hass auf jene Menschen, die ihm und seinem Umfeld so viel Leids getan haben, erzählt Buergenthal von seiner Kindheit, wie er immer wieder den Fängen der Nazis entkam und welche glücklichen Umstände ihn am Leben erhielten. Gewisse Parallelen zum Tagebuch der Anne Frank lassen sich nicht von der Hand weisen. Bei Buergenthal ist es nicht die Detailtreue als Zeitzeugnis, die beeindruckt, sondern die ganze Geschichte als solche, die bei ihm glücklicher endete als dies bei Anne Frank leider der Fall war.
Erschreckend ist es, dass wir Menschen uns so einfach das Blut unserer Mitmenschen von den Händen waschen können. Welche Hoffnung gibt es dann, dass wir zukünftigen Generationen eine Wiederholung von Genozid und Massenmord ersparen können? … Wir dürfen nicht aufhören mit dem Versuch eine Welt zu schaffen, die sich auf Recht und Gerechtigkeit gründet, ganz gleich, wie langsam wir dabei vorankommen.
Martin Suter – Die dunkle Seite des Mondes
6. Juli 2009 um 12:07 | Veröffentlicht in Bücher | Hinterlasse einen KommentarSchlagwörter: Martin Suter
Ein erfolgreicher Wirtschaftsanwalt versucht der Monotonie seines Lebens zu entfliehen, beginnt eine Affäre mit einer jungen bildhübschen Verkäuferin. Ein von ihr organisierter Trip mit halluzinogenen Pilzen stellt sein Leben auf den Kopf, ändert seine Persönlichkeit. Charaktereigenschaften, die er bis anhin problemlos unter Kontrolle hatte, kommen zum Vorschein. Zudem bleibt das schlechte Gewissen aus. Durch sein Verhalten drängt er sich selbst an den Rand der Gesellschaft, wird polizeilich gesucht, flieht in den Wald und wird dort zum Schluss von seinem Widersacher erschossen. Interessanterweise wird einem der Protagnoist trotz widerwärtigstem Verhalten nie per se unsympathisch.
Die grosse Stärke Suters ist sein rationaler und spannender Schreibstil. Er besitzt die Fähigkeit, detailliert zu beschreiben, ohne dabei langweilig zu werden, eine Gratwanderung, die er in all seinen Werken bestens zu meistern weiss. Ebenfalls hat man immer das Gefühl, auf gut fundiertes und recherchiertes Wissen zu stossen.
Einen gewisse Tiefe kann man dem Werk nicht absprechen, thematisiert wird vorallem die Beziehung zwischen Erfolg, Geld und Glück, Persönlichkeitsveränderungen Blanks werden psychlogisch interessant beleuchtet. Blanks Drogenversuche und seine Isolation im Wald finde ich etwas überspitzt dargestellt. Der Schluss ist in sich stimmig, leider schon allzu früh absehbar und ohne eine überraschende Wendung.
Im Nachhinein lebt das Buch jedoch eher von seiner Spannung und seinem Lesefluss als von seiner inhlatlichen Tiefe. Ich habe schon gelungenere Bücher von Suter gelesen, für eine Empfehlung meinerseits reicht es aber allemal!
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